Portacomaro Stazione

Geburtsort des Vaters von Papst Francesco

In diesem Örtchen ist fast jeder ein bisschen Papst

Von Constanze Reuscher | Veröffentlicht am 15.03.2013 | Lesedauer: 4 Minuten

Quelle: REUTERS

Das kleine Örtchen Portacomaro Stazione im Piemont kann sich ganz dem „Wir sind Papst“-Gefühl hingeben – hier sind fast alle mit Franziskus verwandt. Jetzt hoffen die Bürger auf einen baldigen Besuch.

In dem Örtchen Portacomaro Stazione nahe der Wein- und Trüffelstadt Asti im Piemont tragen viele Bürger den Nachnamen Bergoglio. Seit Mittwochabend stehen bei ihnen die Telefone nicht mehr still – Reporter sind auf der fieberhaften Suche nach Papst-Verwandten und die Bergoglios im Ort selbst auf der Suche nach Familienbanden mit dem neuen Papst Franziskus.

„Wir tragen den gleichen Nachnamen. Jetzt werden wir im Stammbaum der Familie prüfen, ob wir Verwandte sind“, sagte Roberta Bergoglio aus Portacomaro gerührt.

Die Ahnen des neuen Pontifex stammen aus Stazione di Portacomaro. Dessen Vater Mario Giuseppe Francesco war 24 , als er 1929 gemeinsam mit den Großeltern Italien auf einem Dampfschiff gen Südamerika verließ. Sie wollten nach Argentinien, das in jenen Jahren für viele Italiener das gelobte Land war.

Familie entging nur durch Zufall einem Schiffbruch.

Nur hätte das die ganze Familie beinahe den Kopf gekostet und das sie alles überlebt haben, verdanken sie einem Zufall: einige Ausreise-Papiere waren verspätet ausgestellt worden, die Bergoglios verpassten den Dampfer „Prinzessin Mafalda“, der sie schon 1927 nach Argentinien bringen sollte. Aber vor der brasilianischen Küste sank er im Sturm.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wanderten viele Italiener aus dieser Gegend nach Nord- und Südamerika aus, weil die Landbevölkerung der norditalienischen Regionen – heute die reichsten Italiens – damals bettelarm war. Zu den ganz Armen gehörten die Bergoglios allerdings nicht.

Im Ortskern von Portacomaro führten Franziskus’ Großeltern einen Lebensmittelladen. Ihr schlichtes Wohnhaus stand im nahen Bricco Marmorito, ein Flecken nur wenige Kilometer von Portacomaro entfernt. Papst Franziskus hat das Haus seiner Ahnen vor zehn Jahren besucht. Er liebt besonders einen Wein, der hier angebaut wird: den Grignolino, den er sich fortan nach Argentinien schicken ließ. Seit seinem Besuch, trägt er, so heißt es, auch ein Bild von dem bescheidenen Wohnhaus immer bei sich.

„Ergreifend, einen Papst in der Familie zu haben“

Denn Franziskus weiß, dass er ihnen seine Karriere verdankt. Die Bergoglios wollten höher hinaus. Carla Ravizza ist eine entfernte Cousine und berichtet aus der Familiansaga: „Franziskus’ Großeltern sind ausgewandert, um ihr Glück zu versuchen. Sie haben es gefunden: Ihre Söhne konnten die Universität besuchen. Einer von ihnen ist jetzt Papst.“ Die Familie hatte sich in der argentinischen Stadt Paranà niedergelassen und eine Firma für Straßenbau gegründet. Von ihrem neuen Wohlstand zeugt noch heute eine Villa, die die Einwohner von Paranà „Casa Bergoglio“ nennen.

Im kleinen Portacomaro in Italien geht unterdessen die Aufregung um den berühmten Verwandten weiter. „Es ist ergreifend, plötzlich einen Papst in der Familie zu haben, “ hat Armando Bergoglio, 70 Jahre alt und Cousin vierten Grades, der Lokalpresse gestanden. „Vor zehn Jahren war Franziskus zum letzten Mal hier und hat die Verwandtschaft besucht.“ Zum ersten Mal war der kleine Jorge Mario nach Portacomaro gekommen, als er zehn Jahre alt war.

Und im Pfarrhaus von Portacomaro lief am Mittwochabend das Telefon heiß. Pfarrer Don Andrea Ferrero sagt: „ich kenne den Papst nicht persönlich. Wir sind glücklich und beten für ihn. Sollte er eines Tages zu uns nach Portacomaro kommen, werden wir ihn mit offenen Armen empfangen. Aber es dürfte wahrscheinlicher sein, daß wir mit einer Delegation aus dem Ort nach Rom reisen“.

Papst fliegt nur Low Cost und spart an Kleidung

In der piemontesischen Hauptstadt Turin lebt eine Giuseppina Ravedone, 82: sie ist Witwe eines direkten Cousins von Papst Franziskus, dessen Familie schon früh in die Großstadt übersiedelte. Aber die Signora hat den direktesten Draht zum Papst. Erst am Montag hatte Jorge Mario Bergoglio aus Rom angerufen und ihr gestanden: „Egal, ob es einen Papst gibt oder nicht: Ich fliege am nächsten Sonntag nach Buenos Aires zurück.”

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So berichtet Giuseppina der Turiner Tageszeitung La Stampa. „Jorge fliegt nur Low Cost, er hasst Verschwendung. Er spricht immer von Armut und Kindern in den Favelas. Außerdem wollte er die Rituale der Osterwoche respektieren.”

Franziskus’ Bescheidenheit könnte auch die römischen Papstschneider teuer zu stehen kommen. Als Jorge Mario Bergoglio 2001 von Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt wurde, sparte er an der Robe. “Er hatte erfahren, daß sie bei den traditionellen Schneidern 6000 Euro kosten sollte”, berichtet Signora Giuseppina. “Er hielt das für sinnlose Verschwendung, hat kurzerhand den richtigen Stoff gesucht und die Robe von seiner Schwester nähen lassen.”

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